Willkommen

Lebenslauf

Aktuell

Werke

Publikationen

Audio

Leserstimmen

Besucherbuch

Impressum
 
vorige Szene nächste Szene

Aus »Laudine. Minnespiel«.   Vers 56217 bis 56434

ERSTER AUFZUG. FÜNFTE SZENE


Laudine, Lunete, Burgvolk, Herold, später Iwein.

LUNETE: Ihr rieft mich, Herrin, was ist zu bestellen?

LAUDINE: Ruf alles Volk, ich will den Leuten sagen,
Daß ich verlobt und Iwein jetzt der Hüter,
Drum soll kein Knappe und kein Ritter klagen,
Denn wohlversorgt sind wieder Burg und Güter.

LUNETE: Ich eile, das Befohlne auszuführen.
(Geht und kommt bald zurück. Der Hof bevölkert sich.)

LAUDINE: Dem Brunnenvolke, dem ich selber Seele,
Verkünd ich, daß des Feinds verwegne Krieger
Schon Schwert und Streitaxt spüren an der Kehle,
Denn unser Brunnenhüter ist – der Sieger!
Die Welt der Götter, Riesen und Dämonen
Hat unser Fähnlein herrlich aufgerichtet,
Drum danket, daß ihr Diener seid den Kronen,
Die tausend Jahr Poetenreim bedichtet.

ERSTER RITTER:
O sagt, was gab euch Grund zu solcher Eile,
Wo Askalon im Hof noch unbestattet,
Die Sitte heißt uns trauern gute Weile,
Wo ihr doch Freud und große Stütze hattet,
Es macht dem Heiland wenig Lob und Ehre,
Wenn Hingeschiedne nur als Altlast gelten,
Zerbrochen sind mit seinem Geist die Speere
Und Eiswind weht in unsern Klagewelten.

LAUDINE: Ich sage da, auch Christen müssen saufen
Wie alles Vieh, wie Gras und Dornenranken,
Wo nähm der Heiland Wasser her zu Taufen,
Müßt er es nicht dem Fleiß der Quellen danken,
Derweil ihr müßig sitzt in eitlem Zagen,
Schlägt Iwein euch des Feindes Frevlerrotte,
Er tut was not in unheilsschwangren Tagen,
Er rettet euch und hält euch euerm Gotte.

ZWEITER RITTER:
Sollt man nicht wenigstens die Glocken läuten,
In der Kapelle eine Nische mauern,
Den Priester holn, die Heilge Schrift zu deuten,
Daß hier nicht länger Totengeister lauern?

LAUDINE: Ihr Selbstverliebte seid zu gar nichts nutze
Als zu Gewäsch und weibischem Gejammer,
Ihr dankt nicht, daß ich Weib zu euerm Schutze
Wie Donar schwing den harten Eisenhammer,
Man schicke einen Boten nach dem Kloster,
Die Keuschen sollen Askalon als gleichen
Gern holn und in des Friedhofs grün bemooster
Grabsstill bedecken mit dem Kreuzes-Zeichen.

ERSTER RITTER:
Ihr sprecht verächtlich von des Meisters Lenden,
Zwar ward dem Thron kein Folger hier geboren,
Doch wenn ihr plant, die Knochen zu versenden,
Habt ihr das Maß und Anstand ganz verloren.

LAUDINE: Ihr hörtet selbst die letzten großen Worte,
Er wollte fliegen, fort aus dieser Enge,
Drum kommt er nach dem ihm gemäßen Orte,
Und muckt ihr auf, gibts dort recht bald Gedränge.

LUNETE: Nur rasch getan, ich schicke nach dem Abte.

LAUDINE: Das soll ein Ritter, seiner Lieb zu frönen,
Ich duld nicht Meuterei, auch nicht verkappte,
Kein Klagwort soll mir mehr im Burghof tönen.
(Erster Ritter ab. Die anderen schweigen betreten.)

LUNETE: Soll Hochzeit sein? Die Küche ist bereitet.

LAUDINE: Es ist seit alters Sitte bei Germanen,
Daß das Verlöbnis den Vertrag bestreitet,
Drum schmücke man die Burg mit neuen Fahnen.
Den neuern Bräuchen bin ich nicht gewogen,
Denn mehr als Priester mag ich weiße Schwäne,
Das Glück ist mir ein Pfeil am straffen Bogen
Und von den Glocken krieg ich bloß Migräne.
(Zweiter Ritter und einige Knappen entrollen schweigend die Lilienfahnen Iweins und befestigen diese auf mehreren Zinnen. Fanfarenstoß. Ein Herold tritt in die Mitte der Bühne und wendet sich zum Publikum.)

HEROLD: Dem Land, dem Volke am verborgnen Brunnen,
Mach ich bekannt, daß nun der Lilienrecke,
Der die Normannen schlug und auch die Hunnen,
Uns hüte und die Feinde niederstrecke.
Drum rauscht die Quelle herrlich, hell und heiter,
Und auch die Herrin ist in gutem Hoffen,
Dem Arm des Fürsten gleicht gewiß kein zweiter,
Der alte ist im heißen Bad ersoffen,
Er ward vom Herrn der Welten abgehoben,
Nachdem er seinen Pflichten nicht gewachsen,
Nun solln die Bäche reine Kühle loben
Mit Äschen, Schmerlen, Barschen, Plötzen, Lachsen,
Nun singt der Klarheit neu die Bachforelle,
Und mit ihr singen Ritter, Fraun und Knappen,
Dem Sieg sich Gnad und hohes Glück geselle,
Befreit sind wir von einem morschen Lappen.
Es gibt nur eine Treu, die fußt auf Stärke,
Die Schwäche trübt die Augen wie die Auen,
Drum soll hier jed Geschöpf bei jedem Werke
Nur immer auf das Lilienschwert vertrauen.

IWEIN (in den Hof hereinreitend):
Ein neues Glied im Buch der Weltgeschichte
Ward heut gefügt, ihr seid dabeigewesen,
Der Ritter Keye mit dem Schiefgesichte
Trank heut den letzten Honigwein am Tresen,
Daß Artus schickte solchen Spießgesellen
Zeigt schon des Hofes andere Prämissen,
An unserm Brunnen, an dem sprudelnd hellen,
Wird nun von dort kein Ritter mehr verschlissen.
Auch sagte mir Gawain, mir einst Gefährte,
Mein Reich würd dort von keinem mehr bestritten,
Darum ich rasch mit Friedensbotschaft kehrte,
Daß ich die Mähre fast zuschand geritten.

LAUDINE: Da du uns Frieden gabst mit deinen Kräften
Die Ritter hier, senil und abgestanden,
Die Frömmelein des Altherrn wideräfften,
Auf daß die frohe Botschaft werd zuschanden,
Mit Widerworten, offnen Meutereien,
Zwang man das Weib, das Sühneschwert zu zeigen,
Sie wagten, mich der Buhlerei zu zeihen,
Und wollen Krypten statt Verlöbnis-Reigen.

IWEIN: Ihr Ritter, danket Gott, daß euch das Übel
Nicht jählings überrumpelte den Schlummer,
Der Krieg, ein Unhold mit gewaltgem Kübel
Voll Brandschatz, Hunger, Pestilenz und Kummer,
Blieb euch erspart, mit dem beherzten Handeln
Gab ich euch Frieden und Gedeihn auf Jahre,
Das Land wird sich in Milch und Honig wandeln,
Eh noch dem ersten von euch grau die Haare.
Wir müssen nur zusammenstehn und sorgen,
Daß jeder sei auf seinem Platz der erste,
Dann muß der Schmied nicht mehr beim Juden borgen,
Und Kinder essen Weizenbrot statt Gerste.

BURGFRÄULEIN: Ich glaube ihm, sein Aug ist hell und leuchtend,
Er zeigt mit fester Stimme uns das Rechte,
Mit Freudentränen mir die Wangen feuchtend,
Erfahr ich, daß uns abgewehrt das Schlechte.
(Die Ritter murmeln unentschlossen.)

ZWEITER RITTER:
Ihr sprecht die Sprache, die wir gut verstehen,
Die Herrin stichelt wider unsern Glauben,
Einst kommt für uns die Stunde auch zu gehen
Dorthin, wo nie die Kampfesrosse schnauben.

IWEIN: Wir wollen hier nicht über Bräuche zanken,
Die Welt ist groß, und Gottes Wege krümmer
Als jeder Bischofsstab, wir wollen danken,
Wers anders tut, der ist darum nicht dümmer,
Vergeßt nie, daß in eurer Herrin dauert
Ein Schrein, der euch mit Fruchtbarkeit und Güte
Begabt, und wenn ihr jeden Quell vermauert,
So fragt euch nicht, warum kein Veilchen blühte.
Die Quellengeister wolln euch nicht berauben,
Zwar kennt sie nicht das Schrifttum der Hebräer
Doch soll kein Mensch sich in Gewißheit glauben,
Was Gottes Antlitz fernsteht und was näher.

ZWEITER RITTER:
So wollen wir zum Schwur die Hand erheben,
Denn Iwein sind wir größte Treue schuldig,
Weil er den Frieden gab und so das Leben
Und nimmer zagte, säumig und geduldig,
Wo sich der Feind erhob als Kinderschänder,
Tyrannisch sandte Drachen und Skorpione,
Wir dienen ewig unserm Lebensspender
Und knien in Demut vor der Fürstenkrone.

IWEIN: Dies ist ein gutes Wort, ich will ihm danken,
Doch schließt die Herrin stets in eure Eide,
Sie ehrend wies den Feind ich in die Schranken,
Und ihr Gedeihn ist höchstes für uns beide.

ALLE RITTER UND KNAPPEN:
Der Herrin wolln wir unsern Eid erneuern,
Solang die Welt besteht mit See und Quellen,
Wolln wir den Feind des Lebensborns befeuern
Und unser Fleisch zu einem Walle stellen.
Und den sie wählte und mit ihm den Frieden,
Wolln wir mit ihr als Einheit stets betrachten,
Solange uns ein Atem ist beschieden,
Geheiß und Ansporn stets als höchstes achten.
Kein Schwert erlös uns je von diesen Bändern,
Vergessen laß uns Schierling nicht noch Mohne,
Wir dienen ewig unsern Lebensspendern
Und knien in Demut vor der Doppelkrone.

IWEIN: Nun laßt uns feiern, daß das Land befriedet,
Wir wollen Wein und den geschmorten Eber.

LUNETE: Das Fleisch ist gar, die Pfeffersuppe siedet,
Und endlich, endlich spricht der Hinweisgeber.
(Man bringt einen Bratenspieß und Weinfässer.)

IWEIN (reicht Laudine einen Kristallkelch mit Wein):
Mein Augenstern, Orphanus meiner Krone,
Das Herz, erleuchtend alle Mitternächte,
Der tiefste Höllenkreis den Undank lohne,
Wenn ich nur eine Stund nicht deiner dächte.
Nimm diesen Wein, als seis mein Blut, vergossen
Am Hochaltare deiner milden Tugend,
Was jemals ich erring auf Lebenssprossen,
Ist dein, o Quell und Lebensgeist der Jugend.

LAUDINE (trinkt):
Ich spüre in den Adern deine Minne
Und zittre wie die Espe in den Sehnen,
Was mir das Herz verspricht und alle Sinne,
Soll sich durch Nacht und Tag unendlich dehnen.
Wir wollen eins sein und uns flutend lösen,
Vom Neid des Lichts, den Kronen und den Ständen,
Wir wissen nichts vom Guten und vom Bösen,
Wenn wir zur Nacht die Lieblichkeit vollenden.

IWEIN: Doch morgen darf ich, wie Gawain geraten,
Nicht ausruhn mich als Landesherr und Hüter,
Der Sieg ist immer nur ein Ruf nach Taten,
Sonst schwillt der Leib und trüb sind die Gemüter,
Drum werd ich dich, mein Herzblut, früh verlassen,
Daß dir zur Ehre Zeichen sein und Wunder,
Ich geh zur See und schau in allem Nassen
Nur dich als Perle und als flinke Flunder.

LAUDINE: Mir schwante wohl, daß dieser Tag noch Schatten
Mir würfe in die Falten meiner Röcke,
Das Los, das allezeit die Frauen hatten,
Warn Reiterstiefel oder Wanderstöcke,
Es ist mir nicht gegeben, dich zu hindern,
Doch setz ich Jahr und Tag als höchste Fristen,
Sonst siehst du nie das Aug von deinen Kindern,
Und kein Vertrag gedenkt noch des Vermißten.

IWEIN: Ich werd zur rechten Zeit den Torweg finden,
Das Tuch zu fangen, das du wirfst vom Fenster,
Ich werde Drachen und Tyrannen schinden,
Doch dann begrüß ich fröhlich meine Wänster.
Ein Mann, dem seiner Herrin Frist nicht heilig,
Käm selbst zu spät bei Heilands Weltgerichte,
Der hat es wie Ahasver immer eilig,
Und kommt doch niemals raus aus der Geschichte.

LAUDINE: Ich übe, von der Liebesnacht zu zehren
Im Lenz, im Sommer und in Herbst und Winter,
Ich träume von Gefechten, Ruhm und Ehren
Und hoffe, daß ein größres Glück dahinter.
Und wenn die Frist sich neigt, da werd ich schauen
Ob sich im West dein blauer Helmbusch zeige,
Ich werde dir durch jeden Tag vertrauen,
Denn Zweifel ist der Suppentopf für Feige.

IWEIN: Nun laß die Ritter rülpsen, furzen, schmatzen,
Es ist nicht not, daß uns das Schauspiel klammer,
Wir sind ganz einfach fort so wie die Katzen,
Die Stiege führt recht rasch in deine Kammer,
Dann sollst du deinen ganzen Reichtum kennen,
Wenn das Verlöbnis sich mit Blut besiegelt,
Denn wenn wir ohne Licht und Zeugnis brennen,
Scheint uns die Welt ganz fremd und eingeigelt.