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Aus »Laudine. Minnespiel«.   Vers 56815 bis 57000

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Iwein und der Löwe, Waldschrat mit Widderfüßen.

WALDSCHRAT (mit unechter Empörung):
Mein Haus ist gastlich stets für Mensch und Tiere,
Und manchem ohne Obdach wards hier wohnlich,
Freigiebig bin ich, daß ich mich nicht ziere,
Weiß jeder, der mir gütig frommt und schonlich.
Auch ihr, Herr Ritter, durftet euren Grillen
In meinem Hause ohne Sorge frönen,
Ob hoch, ob niedrig, ich bin stets zu Willen
Und nehm nicht nur die Starken und die Schönen.
Der Undank doch ist oft der Langmut Erbe,
Man feiert hier und gibt sich ausgelassen,
Man sorgt dafür, daß hier das Damwild sterbe,
Und weiß, die Eichen wissen sich zu fassen.
An mich, meint man, ist keinesfalls zu denken,
Weil mein Geschäft Geselligkeit nicht fordert,
Und würde ich euch alle Bäume schenken,
So seis, daß ihr noch weitre Gaben ordert.
So bin ich zwar gewöhnt an reichen Kummer,
Ich scheu nicht Müh, die Schäden auszubessern,
Doch heute riß mich Lärm aus meinem Schlummer,
Als sei die Luft erfüllt von tausend Messern,
Ich sehe, euer grimmiger Kollege,
Hat sich bei der Zerstörung übernommen,
Und liegt nun abgewrackt und tot am Wege,
Unfähig, für den Schaden aufzukommen.
Es wäre nun gerecht und dabei schicklich,
Beglicht ihr rasch des Abgeschiednen Schulden,
Ich rechne noch und stehe augenblicklich
Bei schätzungsweise zwanzigtausend Gulden.

IWEIN: Mein Herr, ich bin ein fahrend armer Ritter,
Mein Knappe hier hat auch kein Bankgewerbe,
Es gab in diesem Waldstück ein Gewitter,
Wir kriegten Schläge schon genug und herbe.

LÖWE: Und überdies wir zählen nicht zu Würmern,
Auch nicht zu Echsen oder Krokodilen,
Wir sind der Anlaß nicht, wenn solchen Stürmern
Die Flügel grad in deinen Eichwald fielen.

WALDSCHRAT: Wer hier gehaust, hat Frechheit auch zu schwindeln,
Dies ist nicht neu, doch war es selten dümmer.
Ihr haltet mich wohl für ein Kind in Windeln?
Und wollt gar leugnen, daß der Hag voll Trümmer?
Die Armutsthese läßt mich lauthals lachen,
Für alle Welt gebt stündlich ihr Audienzen,
Sag ihr da stundenlang nur: Nichts zu machen,
Wir sind gemäht, bei uns ist nichts zu sensen?
Und dann der Trick mit Echse, Wurm und Flügel,
Wie sind doch Birk und Fliegenpilz verschieden,
Doch Roß und Reiter eint nicht nur der Zügel,
Sie sind sich eins im Kriege wie im Frieden.
Ähnlich verhält sichs mit dem dreisten Flieger,
Wir haben alle Woche hier Gewitter,
Das kostet Blätter und schafft manchen Bieger,
Doch heute haben wir den Löwenritter.
Ich denke, es ist schlüssig klargeworden,
Daß ein Zusammenhang von diesem Gaste
Und euch besteht, weshalb ihr dafür haftet,
Was jener hier im Übermut verpraßte,
Ich tat schon dar, daß ihr das wohl verkraftet.

IWEIN: Bevor ihr weiter rechnet und mit Zinsen,
Ists besser, daß man friedlich sich vergleiche,
Dies Abenteuer ging wohl in die Binsen
Und teuer ist recht oft des Feindes Leiche.
Wir haben Bargeld keins, nicht Ländereien,
Nicht Unterhalt, noch sonstwie feile Pflichten,
Wir können uns nur aus der Schuld befreien,
Wenn ihr uns Arbeit gebt, die wir verrichten.

WALDSCHRAT: Was liegt euch außer Eichenhaine köpfen?
Ich möchte keine Personalie mästen,
Die mir den Honig kocht in Waben-Töpfen
Und prunkvoll deklamiert vor meinen Resten...

IWEIN: Genug! wir haben unsre Schuld gestanden,
Da ists nicht not, hier alle Einzelheiten,
Die sich in summa heut zusammenfanden,
Zu unsrer Schand akribisch auszubreiten.

WALDSCHRAT: So reichet mir Diplome und Patente
Und was sonst dient, die Arbeitskraft zu schätzen,
Ich setze immer auf Spezial-Talente
Und mag kein Reitpferd auf den Acker hetzen.

IWEIN: Herr Oberförster, frei heraus zu sagen,
Ist hier, daß wir nur stets im Kriegsdienst fronten,
Und wir verstehns, dem Feinde an den Kragen
Zu gehn, obgleich wir ihn doch meistens schonten.
Wir sind, wurds auch nicht glaubhaft im Prologe,
Für Frieden und den Beistand schwacher Frauen,
Und geht mal was zu Bruch im Kampfgewoge,
Sind wir bereit, nach Besserung zu schauen.

WALDSCHRAT (düster):
Das reicht mir nicht, die Schuld ist aktenkundig,
In großer Runde klagen schwarze Eichen,
Es wäre katzig (oder sagt man: hundig?),
Sich heimlich in der Nacht davonzuschleichen.

IWEIN: Bei meiner Ehr als Rittersmann beeide
Ich feierlich, daß dies nicht unser Sinnen,
Wir wollen nach dem angehäuften Leide
Nach Kräften eine Besserung beginnen.

WALDSCHRAT (dessen Gesicht sich aufhellt, lebhaft):
Nun gut, ich sagts, ich plan mit Professionen,
Auch Pilz und Eichbaum brauchen Leut fürs Grobe,
Der Riese Harpin will uns schimpflich lohnen,
Daß wir ihm stellten Bauholz, Fleisch und Robe.
Er ist ein Tölpel, der von Nutz und Frieden
Nichts wissen will, er pfeift auf Treu und Ehre,
Drum wärs gescheit, wir hättens gern vermieden,
Man zög ihn restlos rasch aus dem Verkehre.
Daß morgen er ein großes Waldstück rode,
Hat er gesagt, zu baun sich eine Mühle,
Drum hat es große Eile mit dem Tode,
Und erst die Leiche schafft uns Glücksgefühle.

IWEIN: Dies ist ein leichtes, wenn die Sonnenröte
Sich leuchtend zeigt im Ost am Firmamente,
Stehn wir am Platz, daß man den Unhold töte,
Und fürder keiner sorg um seine Rente.

WALDSCHRAT (erleichtert):
Wir sind uns einig, aber bleibt gewärtig,
Ihr steht im Eid bei diesem Ungetüme,
Macht ihr den Kerl bei Sonnenaufgang fertig,
Seis, daß ich fürder euren Mut nur rühme. (Ab.)

LÖWE (nach einer Weile düster):
Mir ist, als fraß ich eine scharfe Kresse,
Der Gnom mit seiner Klagen-Ouvertüre
Hat bloß getarnt, und dies mit Raffinesse,
Wohin die ganze Rede endlich führe.

IWEIN: Ach je, dies soll uns nicht besonders grämen,
Hat er uns listig auch zur Tat bewogen,
So braucht sich doch ein Ritter niemals schämen,
Spannt ihm ein Intrigant den großen Bogen.

LÖWE (rollt Lunetes Pergament auf):
Nur leider seh ich uns in dem Konflikte,
Daß morgen, wenn die Sonne zeigt sich rötlich,
Lunete uns in den Gerichtskampf schickte,
Der ohne uns für diese sicher tödlich.

IWEIN: O weh, ich bin vernichtet und bezwungen,
Ein Eidbruch-Sammler, der in allen Näpfen
Herumtritt und von Wahn und Schmach gedungen
Den Trielen selbst zu ehrlos und den Schnepfen.

LÖWE: Ich denk, es gibt vielleicht ein Stück zu hoffen . . .

IWEIN: O nein, o Leu, bei diesem Nornenspruche,
Bleibt auch kein Fünkchen Deutungshoheit offen:
Nur tiefer kracht mein Fall nach erstem Bruche.
Ich glaubte frech, ich fänd als Löwenritter
Mit neuem Namen neue Selbstbedeutung,
Doch aus der Jugend treffen mich die Splitter,
Und ganz mißglückt ist diese Schlangenhäutung.
Ihr wißt ja nicht, was ich Lunete schulde,
Was ich gewagt, als Fremder zu erneuern!
Was ich bisher schon ohne Wissen dulde,
Wird nur gekrönt von Wissen und Beteuern.
Ich hab geschworn, leblang und noch gespenstisch
Zu dienen! Hör dies Wort und denk: zur Schande
Schauts dir aus allem, unabweislich nennts dich
Den letzten Schurken in der Höllenbande.

LÖWE: O haltet ein, es wird sich alles richten,
Wir sind im Leben niemals bar der Waffen,
Wenn sich die Aun im neuen Tage lichten,
So werden wir auch beide Werke schaffen.

IWEIN: Nein nein, es ist beschlossen und vollstrecket,
Der Aufschlag folgt dem Fall wie Rausch dem Biere,
Daß jemand trickreich einen Spalt entdecket,
Das glaub ich selbst dem König nicht der Tiere.
Ihr wißt noch nicht das ärgste an dem Netze,
Drin ich gefangen, was schon weiß die Spinne,
Der Stein im Mosaik ist bloß der letzte,
Und ganz am Anfang stand der Rausch der Minne.
Lunete hat geschildert, wie da schändlich
Ihr Herr die Huld verspielt und ihr das Leben:
Geb ich mich echsig, wurmig, löwenländlich,
Ich bleibs, ich selbst bin dieser Ritter eben.

LÖWE: Ich danke dir für diese große Gnade,
Daß du mir gönnst den Blick in deine Tiefen,
Doch schlingt der Sumpf schon Füße ein und Wade,
Mag dennoch andres stehn in Heils Archiven.
Schon oft hat Gott, wenn das Verhängnis dichter
Sich zuzieht, noch den Einsamsten gerettet,
Und darum trau dem allerhöchsten Richter,
Daß lösbar sei, was rundum festgekettet.
Ich denk, wir sind schon lang vor Tag beim Riesen,
Mein Schrei muß selbst den Schläfrigsten erwecken,
Gehts auf mit guten Waffen und mit miesen,
Wird er vorm ersten Sonnenstrahl verrecken.
Dann sind wir noch zur rechten Stund am Platze
Und treten auf des Königs Eichenbohlung,
Denn liegt im Dreck des Riesentölpels Fratze,
Ist ein Gerichtskampf gradezu Erholung.

IWEN: Nun gut, ich will mich einmal noch ermannen,
Mißlingts, so soll mein gutes Schwert mich haben,
Wenn Nebel wabert aus des Buschweibs Kannen,
Sei unser Feind der Krähenschmaus im Graben.

LÖWE: Gemeinsam werden wir den Strauß vollenden,
Er ist direkte Folge unsers Bundes,
Dann werden sich auch Hof und Minne wenden,
Und Stück für Stück erbaut sich was Profundes.